Flucht über die Pyrenäen

Kreuz und quer durch die Pyrenäen ziehen sich jede Menge Schmuggler-, Ziegen- und: Flüchtlings-Pfade. Heute kaum mehr, doch während der Besatzung Frankreichs durch Nazideutschland bekamen die Wege eine ganz neue Bedeutung. Sie waren Fluchtrouten für viele Tausend NS-Verfolgte. Die retteten über diese Strecken ihre Leben, mit tatkräftiger Unterstützung von FluchthelferInnen, die sich auf diesen versteckten und gefährlichen Pfaden auskannten.
Seit einigen Jahren nun werden diese Fluchtrouten regelrecht "wiederbelebt": Mit Erinnerungs-Projekten, um an die zu erinnern, die fliehen mussten, und an diejenigen, die ihnen dabei – unter Lebensgefahr – halfen.
Heike Demmel und Andreas Klug waren bei einer dieser Wanderungen dabei, von Frankreich nach Spanien, quer über die Pyrenäen.

 

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St.-Girons frühmorgens um sechs auf dem Pont du Chemin de la Liberté, der Brücke des Freiheits-Wegs. Das kleine Grüppchen in Wanderkleidung genießt Zulauf, zu den älteren Herren in Knickerbockern und Wanderstrümpfen stößt gerade eine Familie mit ihren jungen Töchtern im Trekking-Stil. Während die Sonne aufgeht schwillt die Gruppe auf fast hundert Personen an, Wortfetzen in französisch, spanisch, englisch und katalanisch dringen herüber. Ein kurzer Gruß des Bürgermeisters und die viertägige Wanderung beginnt. Gewiss ist das südfranzösische Département Ariège mit seinen vielfältigen Flüssen und Seen eine Augenweide. Nur geht es hier eher um einen Blick zurück in eine (wenig anmutige) Epoche der europäischen Geschichte: Der Weg über die Pyrenäen folgt den Spuren derjenigen, die Anfang der 40er Jahre vor den Nationalsozialisten fliehen mussten – und die diesen äußerst beschwerlichen und lebensgefährlichen Weg nach Spanien wählten.

Die Gruppe mit ihren bunten Rucksäcken, mit Zelten und Proviant auf den Rücken passiert versteckte Pfade und dichte Wälder – wie damals, als die Flüchtlinge (allerdings häufig nachts und in denkbar einfacher Ausstattung) unerkannt die Gebirgspässe erreichen mussten. Jetzt ein kleiner Schlenker durch eine Ortschaft, an einem Gedenkstein hält einer der Organisatoren eine kurze Ansprache

„Ihr seid hier am Col de la Core. Während des Zweiten Weltkriegs gab es hier keine Straßen. Es gab nur kleine Wege. Ab hier beginnt die letzte Etappe vor dem Anstieg auf die wirklich hohen Berge.“

Kurz darauf eine kleine Pause, einige stimmen das Lied der Region Ariège an. Paul Boué erinnert sich, wie es ihm 1943 gelang, sich der NS-Zwangsarbeit zu entziehen:

„Ich hatte Freunde, Studenten, die den Befehl bekamen zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu gehen. Und ich habe ihnen gesagt, wenn ihr über die Pyrenäen geht, sagt mir Bescheid, dann gehe ich mit euch.“


Paul Boué floh 1943 vor der NS-Zwangsarbeit über die Pyrenäen

Paul Boué war kein Einzelfall: 33.000 Menschen flohen in jenen Jahren über die Pyrenäen, Franzosen und Französinnen, Briten (etwa Soldaten, die in Frankreich hatten notlanden müssen), politische Flüchtlinge aus ganz Europa und nicht zuletzt Juden und Jüdinnen.
Ein regelrechtes Netz an Fluchtrouten zog sich quer durch Frankreich, die Pat O'Leary-Route etwa oder auch – von Belgien kommend – die Comete-Linie.
Briten waren es Mitte der neunziger Jahre, die denn auch die alljährlichen Pyrenäen-Überquerungen initiierten, entsprechend zahlreich sind sie heute auch bei der Wanderung vertreten. Wir passieren kleine Weiler, sehen einzelne Höfe, vor uns majestätisch die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen. Unsere Route wird auf weit über 2000 Höhenmeter ansteigen. Keith Janes läuft hier auf den Spuren seines Vaters:

„Er wurde im Juni 1940 gefangen genommen, aber er entkam 3 Wochen später und wurde im Departement Pas de Calais 16 Monate lang von Franzosen versteckt bevor er quer durchs ganze Land gebracht wurde. Von Nordfrankreich kam er in 6 Tagen bis nach Perpignan, meist per Zug, und dann überquerte er die Pyrenäen südlich von Perpignan.“

Ungezählte Menschen bildeten Anfang der 1940er Jahre ein Netz aus Fluchthelfern; einfache Leute und später auch die organisierten Mitglieder der Resistance. Ihr gemeinsames Ziel: Menschen zu helfen, die vor dem nationalsozialistischen Terror fliehen mussten. Häufig standen sie auch britischen Soldaten zur Seite, die bei Unterstützungs-Flügen für die antifaschistische französische Resistance abgeschossen wurden – die mussten nun das von Hitlerdeutschland besetzte Frankreich wieder verlassen. Marie Helene Gournet erinnert sich:

„Es waren zwei englische Soldaten, die im Departement Pas de Calais, oder genauer, in Locon ihre Truppen verloren hatten. Sie haben sich versteckt und versucht ihre Einheit wiederzufinden. Meine Mutter, die im Krieg ihren Mann verloren hat, hat Peter Scott Janes, den Vater von Keith, und den anderen Soldaten versteckt.“

Mittlerweile ist die Landschaft einsamer und die Vegetation karger geworden. Wir folgen einem Ziegenpfad, der sich durch Bergwiesen schlängelt. Damals, 1943 war hier im gebirgigen Grenzbereich die Sperrzone, die nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Nationalsozialisten betreten werden durfte. Trotz größter Vorsicht wurde fast die Hälfte der Fluchthelfer entdeckt – um dann verhaftet, in Konzentrationslager deportiert oder etwa von der Gestapo erschossen zu werden. André Lebé aus St.-Girons kennt unzählige solcher Schicksale.

„Louis Barrau war aus einer Familie von Fluchthelfern. Mit 17 Jahren wurde er in den Bergen von Artigue getötet. Der junge Fluchthelfer wartete gerade in einem Schuppen auf eine Gruppe Leute, die er über die Grenze bringen wollte. Eine deutsche Patrouille steckten den Schuppen in Brand damit er herauskam. Als Louis heraussprang (und versuchte zu fliehen), erschossen sie ihn. Das Netz von Fluchthelfern war verraten worden. Louis`s Vater und Onkel wurden deportiert, und sein Bruder Paul nahm deren Platz als Fluchthelfer ein. Aber auch er befüchtete gefangen genommen zu werden, und so flüchtete Paul Barrau über die Pyrenäen.“

Doch für diejenigen, die Anfang der 40er Jahre durch eine Flucht über die Pyrenäen ihr Leben retten wollten, war nicht nur die Gestapo eine Bedrohung: Gerade die Routen über die Zentral-Pyrenäen waren alles andere als komfortable Spazierwege. Viele überlebten die Strapazen nicht. Selbst die Überquerung heute mit moderner Trekking-Ausrüstung ist eine Herausforderung, immer wieder passiert es, dass – selbst im Hochsommer – plötzlicher Schneefall oder Unwetter zur Umkehr zwingt. Am Morgen des dritten Tages werden die Zelte denn auch im Regen abgebaut, immerhin hat sich das nächtliche Gewitter wieder verzogen. Die Sicht beträgt wenige Meter, die Welt scheint im Nebel zu versinken. Die Leitung der Tour gibt genaue Anweisungen ...
Keith Janes berichtet, wie hart die Bedingungen für die Flüchtlinge seinerzeit waren:

„Während des Krieges war das hier viel schwieriger. Man wanderte nur nachts, es war sehr gefährlich, wegen des Klimas und wegen der Überwachung. Viele Leute hatten wochenlang nur schlecht gegessen, waren untrainiert und sie waren schlecht ausgerüstet. Wenn wir heute leiden, ist das nichts im Vergleich zu dem, was viele, viele Männer und Frauen durchgemacht haben bei der Überquerung. Viele Menschen sind dabei gestorben.“

Damals wie heute gilt: Sind die Schneefelder des Mont Valier erreicht, ist ein wesentlicher Teil der Pyrenäen-Überquerung gemeistert. Und: Die Flüchtlinge befanden sich nun auf spanischem Gebiet, waren dem direkten Zugriff der Nationalsozialisten entkommen. Der Abstieg ist zwar auch heute alles andere als ungefährlich, und dennoch: Unten im Tal winkt das Ziel, ein kleines ... Gefängnis im spanischen Örtchen Sort. Ein Gefängnis? Die in Sort lebende Historikerin Luisa Martinez:

„Auf spanischer Seite gab es auch viele Kontrollen, durch die Nationalpolizei Francos. Deshalb wurden viele Flüchtlinge im spanischen Grenzort Esterri festgenommen. Von dort wurden sie nach Sort gebracht und der Guardia Civil übergeben. In Sort gab es ein Gericht und eine Art Gefängnis, wo sie die Leute einsperrten. Von dort wurden sie nach Lérida gebracht und dann weiter ins Konzentrationslager von Miranda al Ebro.“

Viele Flüchtlinge durchlitten eine Odysee durch verschiedene spanische Gefängnisse und Lager. Doch fast alle kamen letztendlich, nach einigen Wochen oder Monaten frei.

Das Regime unter dem faschistischen Diktator Francisco Franco ermöglichte den NS-Flüchtlingen somit die lebensrettende Ausreise etwa in die USA oder nach Großbritannien. Hintergrund waren Absprachen mit den Alliierten des zweiten Weltkriegs. Zehntausende retteten auf diese abenteuerliche Weise ihr Leben – ermöglicht erst durch die Zusammenarbeit ungezählter Helferinnen und Helfer in ganz Frankreich. Einfache, couragierte Leute auf dem Land genauso wie Mitglieder der Resistance.
Die Wandergruppe ist mittlerweile am Ziel angekommen, eine kleine Feier im Grenzort Esterri erinnert an die Geschichte, die die Pyrenäen-Region seinerzeit gespielt hat, wenige Jahre zuvor übrigens auch im Spanischen Bürgerkrieg. Maria Jesus Bono, Direktorin des staatlichen Projekts „memorial democratic“ ist aus Barcelona angereist, um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Wanderung für ihr Engagement zu danken:

„Dieses Projekt ist eine Hommage, um an diesen Kampf zu erinnern und um diese Werte an die neuen Generationen weiterzugeben. Danke für Ihre Teilnahme, wir hoffen, dass die Wanderung „Chemin der la liberte“ weitergeht.“

Die Pyrenäenüberquerung entlang dem „Chemin de la Liberté“ ist die gefährlichste – bei weitem aber nicht die einzige: Von der Atlantik- bis zur Mittelmeerküste finden mittlerweile allenthalben solche Wanderungen statt mit stets dem gleichen Ziel: Eine weitgehend unbekannte Facette europäischer Fluchtbewegungen vor dem Vergessen zu bewahren.

 

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